Zunächst hat man den Eindruck, dieses unscheinbar wirkende Buch möchte sich einreihen in die vielen Fluchtberichte, die sich die Überlebenden des Untergangs der Heimat im Laufe der Jahre von der Seele geschrieben haben. Doch schnell wird man beim Lesen eines Besseren belehrt: Autor Joachim Albrecht, Jahrgang 1933, verfügt über die seltene Gabe, beim Schreiben nur gerade so viel ins Detail zu gehen, wie es notwendig ist, ohne dabei den Leser zu ermüden. Sachlich, aber stellenweise auch mit den erforderlichen Emotionen wird eine Kindheit in Königsberg und die Flucht ab Januar 1945 geschildert; die politischen Ereignisse werden nicht ausgeblendet, ebensowenig die im Dritten Reich herrschende Atmosphäre, die dem Rezensenten eine Gänsehaut über den Rücken jagt und ihn froh sein läßt, heutzutage in relativer Freiheit leben zu können und sich nicht verbiegen zu müssen. Da die Flucht der Familie Albrecht zunächst in der sowjetischen Besatzungszone endete, ging es mit der Diktatur gleich nahtlos weiter. Besonders beeindruckend wirkt die Figur des Vaters des Autors, der als selbständiger Kürschnermeister und sturer Ostpreuße sich weder von den Nazis noch von den Kommunisten erpressen geschweige denn vereinnahmen ließ, obwohl dieses Verhalten in beiden deutschen Diktaturen höchst gefährlich war. Aber so sind sie, und so kennt man sie, unsere Preußen! Autor Joachim Albrecht verließ die SBZ bereits 1952 nach seiner Uhrmacherlehre und zog nach Hessen. Ergänzt wird das Buch durch zwei wundervolle Bildteile, die größtenteils aus dem Privatarchiv des Autors stammen und sozusagen „was fürs Herz“ sind. Vorkriegs-Familienbilder und Königsberger Stadtansichten von früher und heute bilden den ersten, Nachkriegs-Familien- und -Reisefotos den zweiten Bildteil. Diese Bildteile sowie die interessanten Erlebnisschilderungen voller Zeitkolorit machen das Buch zu einem herausragenden Dokument. Der Rezensent meint: Dieses Buch ist besonders geeignet für Jugendliche, die sich für die damalige Zeit interessieren!
Rainer Claaßen, (c) 2010


